16. Dezember 2021

https://doi.org/10.55957/TDUW7104

Gabriel Hermann:
Schaden Kahlschläge und andere "Desaster" der Biodiversität im Wald?
Erkenntnisse aus umfangreichen Daten zur Tagfalter- und Widderchenfauna in zwei Naturräumen. 2 (3) 2021

Kahlschläge und andere Wald-Freiflächen werden in der öffentlichen Diskussion regelmäßig mit Beeinträchtigungen oder Störungen gleichgesetzt. Der vorliegende Beitrag widmet sich am Beispiel der
Tagfalter und Widderchen der Frage, inwieweit eine solche Sichtweise fachlich zutreffend und „noch zeitgemäß“ ist, insbesondere naturschutzfachlichen Kriterien standhält. Hierzu werden Bestandsdaten aus 355 Wald-Kahlflächen analysiert, die zwischen 1990 und 2020 in verschiedenen Naturräumen im zentralen Baden-Württemberg erhoben wurden. Die Gesamtzahl der in einem Raum auf Kahl-
flächen nachgewiesenen Arten wird mit dem rezenten Inventar des übergeordneten Bezugsraums verglichen. Im Ergebnis zeigt sich, dass auf Kahlflächen über längere Zeiträume hinweg zwischen 69% und 80%
des Gesamtarteninventars übergeordneter Bezugsräume nachgewiesen wurde. Damit gehören Kahlflächen und ihre typischen Sukzessionsstadien zusammen mit Magerrasen zu den beiden wichtigsten Hauptlebensraumtypen für die Gruppe der Tagfalter und Widderchen in Baden-Württemberg. Neben einem Grundstock aus stetig auftretenden Arten mit breiterem Habitatspektrum finden sich in allen untersuchten Räumen Spezialisten von Wald-Kahlflächen, die in der heutigen Kulturland-
schaft keine oder nur sehr wenige Habitatalternativen in anderen Lebensraumtypen besitzen. Diese „Lichtwaldarten“ werden durch die heutige „naturnahe“ Waldwirtschaft, in der auf Kahlschläge weitestgehend verzichtet wird, massiv gefährdet. Die meisten Lichtwaldarten stehen bereits in hohen Gefährdungskategorien der Roten Listen oder sind dort mittelfristig zu erwarten. Entsprechende Artbeispiele und praktische Erfahrungen aus der Umsetzung von Artenschutzmaßnahmen werden vorgestellt.
Rechtlich-administrative Rahmenbedingungen und Vorbehalte Beiteiligter hinsichtlich Kahlschlägen blockieren derzeit jedoch massiv die Umsetzung fachlich dringend gebotener Maßnahmen und werden die Gefährdungssituation der Lichtwaldarten weiter verschärfen. Dies ist Teil der Problemlage des
„Insektensterbens“. Gleichzeitig wird das Gefährdungspotenzial punktueller Kahlschläge für Arten geschlossener Waldbestände massiv überschätzt. Vor diesem Hintergrund ist im naturschutzfachlichen Kontext eine grundsätzlich andere Sichtweise auf Kahlhiebe und Waldlückensysteme geboten, die deren positive Bedeutung anerkennt und in praktisches Handeln umsetzt. Es müssen vom naturnahen Waldbau deutlich abweichende Waldnutzungsformen zugelassen und gezielt gefördert werden (Waldweide, Streunutzung, Kahlhieb, Nieder- und Mittelwald). Insgesamt sollten Kahlschläge von 1-2 ha Größe aus Artenschutzgründen – unter flankierender Schonung wertvoller Alt- und Totholzbestände bzw. besonders seltener Waldstandorte, bei denen ansonsten eine Gefährdung konkret zu erwarten wäre – wieder zum regelmäßigen
Instrumentarium der forstlichen Nutzung gemacht werden. Momentan in einigen Regionen Baden-Württembergs auftretende Waldschäden infolge Trockenheit und Insektenkalamitäten reichen bei Weitem nicht aus, um zu einer Entspannung der prekären Bestandssituation der Lichtwaldarten beitragen zu können.

PDF herunterladen

Weitere Artikel

Johannes Mayer, Florian Straub, Roland Steiner, Sebastian Sändig, Rudolf Kratzer:

Zwergschnepfe (Lymnocryptes minimus)

Winterliche Vorkommen in Maßnahmenflächen für den Kiebitz. 5 (1) 2024

 

mehr

Kirsten Kindermann, Sabine Geißler-Strobel, Heiner Götz, Adrian Attinger, Sebastian Rall, Jörg Rietze:

Artenschutzmanagement in eigener Hand                 

Aktivitäten der gemeinnützigen GmbH seit Gründung 2019 bis 2022 und Entwicklung eigener Flächen. 4 (6) 2023

mehr

Thorleif Dörfel:

Herzfleck-Fallkäfer (Cryptocephalus cordiger) 
Wiederfund einer verschollen geglaubten Blattkäferart 
(Coleoptera: Chrysomelidae) in Baden-Württemberg. 4 (5) 2023

mehr

Thomas Asch & Florian Straub:

Notwendige Maßnahmen zur Beseitigung naturwidriger Zustände im Nationalpark Schwarzwald. 4 (4) 2023

mehr

Franziska Peter, Heinrich Reck, Jürgen Trautner, Marita Böttcher, Martin Strein, Mathias Herrmann, Holger Meinig, Henning Nissen, Manuel Weidler:

Empfehlungen zur Sicherung von Lebensraumverbund und Wildtierwegen bei der Bündelung von Verkehrswegen und Photovoltaik-Freiflächenanlagen (PV-FFA)  
Zentrale Ergebnisse aus einem Experten-Workshop an der Internationalen Naturschutzakademie auf der Insel Vilm und dessen Nachbereitung. 4 (3) 2023

mehr

Jürgen Trautner, Michael Bräunicke, Gabriel Hermann, Sebastian Sändig:

Übriggeblieben, vagabundierend, unerkannt? 
Hinweise zur verbesserten Erfassung bestimmter planungsrelevanter Amphibienvorkommen. 4 (2) 2023

 

mehr

Johannes Mayer:

Feldlerche (Alauda arvensis)

Analyse einer mehrjährigen Datenreihe zum Effekt von 
Gehölzentfernung im Offenland auf die Lebensraumeignung 
für eine gefährdete Vogelart der Ackergebiete. 4 (1) 2023

 

mehr

Michael-Andreas Fritze, Jürgen Trautner, Christian König, Kira Arlt, Lea von Berg, Michael Csader, Christoph Gayer, Thomas Kimmich, Ute Kuntz, Marcel Müller, Pauline Reichardt:

Laufkäferseminar in der Nördlichen Oberrhein-Niederung

Bericht vom 2. Kurs der Akademie für Natur- und Umweltschutz Baden-Württemberg zu dieser Insektengruppe im Oktober 2022 mit Liste der nachgewiesenen Arten. 3 (4) 2022
 

mehr

Jürgen Trautner, Michael-Andreas Fritze, Christian König, Alexander Becker, Hannah Böhmer, David Braner, Michael Csader, Judith Engelke, Katrin Fritzsch, Bernd Ihle, Thomas Kimmich, Martin Rudolph, Marius Strohmayer, Tanja Westernacher:

Laufkäferseminar am Federsee

Bericht vom 1. Kurs der Akademie für Natur- und Umweltschutz Baden-Württemberg zu dieser Insektengruppe im Mai 2022 mit Liste der nachgewiesenen Arten. 3 (3) 2022

 

mehr

Jürgen Trautner, Michael-Andreas Fritze und Lando Geigenmüller: 

Grünglänzender Bartläufer (Leistus nitidus) 

Zu Lebensräumen und Phänologie der Art am nördlichen Arealrand. 3 (2) 2022

 

mehr

Jürgen Trautner, Jennifer Theobald und Manuel Weidler:
Querung mit Hindernissen
Notizen zur Mitbenutzung zweier spezifischer Querungshilfen für Fledermäuse durch andere Säugetierarten. 3 (1) 2022

mehr

Arno Schwarzer und Jürgen Trautner:
Bachmuschel (Unio crassus)
Erfolgreiche Besiedlung eines verlegten Bachabschnitts und
oberstromiger Bestandseinbruch durch Extremwitterung. 2 (5) 2021

mehr

Jürgen Trautner, Heinrich Reck, Johannes Mayer und Klaus Müller-Pfannenstiel:
Tierarten und Artengruppen von allgemeiner und 
von besonderer Planungsrelevanz
Empfehlungen für eine sachgerechte und rechtskonforme Definition zur Anwendung bei der Bewertung und Bewältigung von Eingriffen in Natur und Landschaft. 2 (4) 2021

mehr

Jürgen Trautner und Michael-Andreas Fritze:
Schluchtwald-Laufkäfer (Carabus irregularis).
Lebensräume und Phänologie einer klimasensitiven Waldart auf der Schwäbischen Alb. 2 (2) 2021

mehr

Jürgen Trautner:
Naturschutzfachliche Bewertung von Flächen anhand der Vorkommen von Arten.
Bewertungsskala und Kriterien. 2 (1) 2021

mehr
Nachtkerzenschwärmer im Gras

Gabriel Hermann:
Nachtkerzenschwärmer (Proserpinus proserpina).
Erfahrungen bei der Berücksichtigung einer streng geschützten Schmetterlingsart in Planungs- und Zulassungsvorhaben. 1 (1) 2020

mehr

Online-Journal Open Access

Artenschutz und Biodiversität

Alle Beiträge sind unter der “Creative Commons Attribution-NonCommercial-NoDerivatives 4.0 International License” lizensiert. Das bedeutet, dass sie kostenlos heruntergeladen, verbreitet und vervielfältigt werden dürfen, soweit die Orginal-Quelle angegeben, kein kommerzielles Interesse damit verfolgt und der Beitrag nicht verändert wird.
ISSN  2702-9840

https://doi.org/10.55957/AVWZ5544